
"Grüne Mode ist die Zukunft!" - Stardesigner Miguel Adrover im Interview, Teil 2
Utopia
Im zweiten Teil des Interviews erzählt Miguel Adrover von Pferden, Künstlertum, Design als Weltverbesserungskonzept und seinem ganz eigenen "Utopia".
Sie gelten als "Künstler unter den Modedesignern". Sind Sie ein Künstlertyp?
Ich denke, Künstlertypen sind meistens eher introvertiert. Dafür lebe ich aber viel zu sehr in der echten Welt. Bedauerlicherweise stirbt das gerade aus, die Menschen leben immer mehr in Fantasiewelten. Dadurch verlieren sie ihre Persönlichkeit, ihre Individualität. Sie brauchen Vorgaben, was sie kaufen und anziehen sollen, weil sie diese Entscheidungen nicht mehr selbst treffen können. Ich sehe allerdings auch kleine Anzeichen für einen Wandel. Die Avantgarde hat da immer wieder eine Schlüsselfunktion, denn modisch Andersdenkende sind Impulsgeber für das, woraus später Mainstream wird.
Können Kunst und Design die Welt verbessern?
Natürlich. Design ist Kommunikation. Ich glaube, dass Kunst und Design in der Lage sind, Menschen eine Stimme zu verleihen, die sonst keine Stimme haben, indem sie durch Formen und eine eigene Sprache bestimmte Probleme ansprechen. Das gilt auch für den Designer selbst. Wenn man wie ich oft in den Medien auftaucht, hat man auch die Gelegenheit, auf Probleme und Missstände hinzuweisen. Die meisten Leute, die diese Gelegenheit haben, nutzen sie nicht. Leider.
Sind Sie ein "grüner" Mensch?
Total. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und habe einen sehr starken Bezug zur Natur. Ich habe zwar von meinem Vater ein altes Auto bekommen, das ich ab und zu benutzen muss, aber am liebsten würde ich alle Wege mit einem meiner zwei Pferde erledigen. Leider ist das meistens nicht möglich. Ich bin aber auch sehr gerne in großen Städten. Mir ist die Balance aus Stadt- und Landleben wichtig. Man kann den Stadtmenschen nichts über die Natur erzählen, wenn man sie noch nie gesehen hat, und umgekehrt. Ich weiß, das klingt für uns Europäer komisch, aber ich kenne eine Menge Leute in New York, die ihre Stadt noch nie verlassen haben. Die wissen nicht, wie eine Kuh in Wirklichkeit aussieht. Sag mal, wie heißt eure Website noch mal?
Utopia.
Utopia. - Ich habe mal eine Show gemacht, die so hieß.
Worum ging's da?
Das war am 10. September 2001, einen Tag vor den Anschlägen in New York. Es ging um die kulturelle Vielfalt der Menschheit. Ich habe Aspekte aus Kunst, Architektur und Mode einfließen lassen und sie in einen kulturhistorischen Kontext gestellt – das Reich der Azteken, das alte Ägypten, die Industrialisierung - lauter solche Sachen. Es ging darum, all diese Dinge in einem Punkt zusammenfließen zu lassen. Mein Utopia sollte meine Vision untermauern, dass wir alle gleich sind und in Frieden miteinander leben können, auch wenn unsere Kulturen unterschiedliche Gesichter haben. Tragischerweise bewies die Menschheit einen Tag später, dass die sie nicht bereit war für diese Idee.
Wie sieht Ihr ganz persönliches Utopia aus?
Das ist schwer zu sagen. Für mich selbst kann ich das natürlich schon sagen, aber Utopia kann nur als gemeinsame Vision aller Menschen entstehen. Ich denke oft, dass wir eigentlich jetzt schon in Utopia leben, zumindest hier in der westlichen Welt, denn für uns ist alles im Überfluss vorhanden, während in vielen anderen Teilen der Welt die Menschen leiden. Für mich sind Dinge wie Freiheit und Respekt entscheidend. Die Erde gehört allen. Ich glaube nicht an Flaggen oder Grenzen und sehe mich selbst eher als Weltbürger und Nomaden, der überall zuhause ist. Aber für mich ist das auch einfach zu sagen, weil ich einen europäischen Pass habe. Wenn ich einen ägyptischen Pass hätte und Mohammed hieße, dann wäre das alles nicht so einfach. Global gesehen ist Utopia wohl nur ein schöner Traum, weil die Kräfte der Politik und Religion einfach zu stark sind.
Ist die Mode der Zukunft "grün"?
Grünes Modedesign ist die einzige Lösung. Eine andere Alternative gibt es nicht. Man macht sich keine Vorstellung, welcher Schaden an der Natur durch die Textilindustrie entsteht. Durch Wasserverbrauch, Chemikalien und so weiter. Wenn wir so weitermachen würden wie bisher, dann wäre die Erde in wenigen Jahrzehnten komplett ruiniert! Davon bin ich absolut überzeugt. Also, um die Frage zu beantworten: Nicht die Mode der Zukunft ist grün, sondern grüne Mode ist die Zukunft!
Die Miguel-Adrover-Kollektion ist seit Juli im hessnatur-Programm. Zu beziehen ist sie über den hessnatur-Webshop oder einen der hessnatur-Shops in Butzbach und Hamburg. Ein weiterer Shop in München wird im Oktober eröffnet.
Henrik Pfeiffer

