
Fashion Week New York: Stardesigner mit Charakter
Die Presse Wien
Die Modebranche sucht in New York den Nachfolger des verstorbenen Gurus Yves Saint Laurent. Finden wird sie ihn nicht.
Im Prinzip ist es bei jeder Fashion Week dasselbe Spiel. Die gesamte Modewelt blickt mit Argusaugen auf die präsentierten Kollektionen, jeder Experte und Möchtegern-Insider gibt seinen Senf dazu, die vielen anwesenden Modejournalisten bringen ihre Meinung zu Papier und schließlich wird der eine oder andere Designer zur Mode-Ikone erkoren.
Das war bei Yves Saint Laurent so, genauso wie bei Ralph Lauren, Francisco Costa (für Calvin Klein) und dem Liebling der New Yorker, Marc Jacobs. Warum sollte es also bei der diese Woche in Manhattan stattfindenden Fashion Week anders sein? Nun, dafür gibt es viele Gründe. Denn es kristallisiert sich schon seit längerem kein absoluter Superstar – außer den bereits bestehenden – heraus. Immer wichtiger werden die Stars, die in der ersten Reihe vor dem Laufsteg sitzen und immer unwichtiger werden die präsentierten Kollektionen.
Dieser Staraufmarsch und der Kampf um möglichst berühmte Bewunderer liege vielen begabten Designern nicht, sagt Julie Gilhart, die Modechefin von Barney's, dem bekannten Luxuskaufhaus in New York. „Nur wenige haben den Charakter, ein großartiger Designer zu sein und gleichzeitig Aufregung und Begeisterung zu kreieren.“ Gerade das ist allerdings im Zentrum des Kommerzes, New York, nötig. Schließlich sind die USA der größte Modemarkt der Welt. Und da hilft es eben ganz besonders, wenn Prominente wie Courtney Love oder Victoria Beckham in der ersten Reihe sitzen, wie im vergangenen Jahr bei Marc Jacobs.
Zum absoluten Mode-Idol à la Yves Saint Laurent, der im Juni verstorben ist, wird es heuer also keiner der jungen Designer bringen. Die Aufmerksamkeit auf sich ziehen könnten laut „New York Times“ aber doch einige, etwa das Modelabel von Proenza Schouler, mit dem es spätestens seit dem Einstieg von Valentino bergauf geht. Oder auch Miguel Adrover, der mit Kleidung aus recycelten Matratzen und alten Baseballkappen bekannt wurde. Auch die jungen Christian Siriano und Alexander Wang werden immer wieder genannt. Sie alle sind gut, aber um Kultstatus zu erreichen eben zu wenig revolutionär, zu wenig global, zu wenig außergewöhnlich, urteilen Experten.
Dazu tragen auch die Medien bei. Junge Designer werden oftmals hochgelobt, bevor sie wenige Monate später eiskalt in den Kritiken zerrissen werden. „Die Modewelt, wie sie noch zu Yves Saint Laurent Zeiten war, gibt es nicht mehr“, sagte dessen früherer Partner Pierre Biergé vor kurzem. Als YSL 1962 seine erste Modeschau abhielt, sei es noch mehr um kreativen Output als um das ganze Rundherum gegangen.
Ein anderer Grund für das härter gewordene Business der Designer ist auch eine gewisse Reife und Unabhängigkeit der Konsumenten, erklärt Robert Burke, der einstige Modedirektor von Bergdorf Goodman. „Die Kundin muss heute nicht mehr auf die Modemagazine warten, damit sie ihr sagen, was sie kaufen soll.“ Viel eher folge man heutzutage seinen eigenen Gefühlen beim Kauf der Kleidung. Deshalb entstünde auch kaum mehr ein Hype um junge Designer.
Für etablierte Marken wie Ralph Lauren, Lacoste oder Calvin Klein gilt das natürlich nicht. Das Gedränge der Stars ist ihnen jetzt schon sicher. Keiner der in New York einen Namen hat, beispielsweise etwa Jennifer Lopez, Tom Cruise mit Ehefrau Katie Holmes, Viktoria Beckham, aber auch Bürgermeister Michael Bloomberg – lässt sich die Fashion Week entgehen. Deshalb wird auch heuer, wenn schon kein Stardesigner am Entstehen ist, eines sicher nicht fehlen: Das Blitzlichtgewitter rund um die prominenten Gäste und die Paparazzi, die auf ein gutes Bild warten.
Von Stefan Riecher

