
Designer Miguel Adrover.
»ICH TUE MIT MEINER ARBEIT ETWAS GUTES»
Bolero
Er macht Mode mit Gewissen, engagiert sich für die Umwelt und diktiert Gedichte, da er nicht schreiben kann.
Nach langen Jahren der Zurückgezogenheit kehrt der mallorquinische Designer MIGUEL ADROVER zurück.
Palma de Mallorca verharrt in flirrender Trägheit. Nur an der Carrer de la Constituciön herrscht emsiges Treiben. Schnittmuster werden millimetergenau gezeichnet, Nähmaschinen rattern und Bügeleisen dampfen. Die weissen bodenlangen Vorhänge bewegen sich sanft vor den geöffneten Fenstern. Mittendrin steht etwas scheu Miguel Adrover. Er und sein Team arbeiten fast rund um die Uhr an der neuen Frühling/Sommer-Kollektion des deutschen Versandhauses hessnatur, dessen Kreativdirektor der Mallorquiner ist. Er wird sie an der New York Fashion Week präsentieren. Dort, wo er kometenhaft aufstieg und sein Ruhm 2001 nach 9/11 mit einer vom Mittleren Osten inspirierten Kollektion auch so schnell verglühte.
BOLERO: Herr Adrover, mit welcher Farbe identifizieren Sie sich am meisten?
MIGUEL ADROVER: Marineblau.
Ich habe Grün erwartet, sind Sie doch seit kurzem Kreativdirektor des deutschen Naturtextilienherstellers hessnatur.
Ich persönlich bevorzuge Marineblau.
Ein Journalist schrieb über Sie, dass Sie einen «sturen Idealismus» pflegen. Sind Sie nun moderater geworden?
Vielleicht habe ich inzwischen mehr Geduld. Ich muss auch nicht mehr so laut schreien wie die grüne Bewegung früher geschrieen hat, weil grüne Themen jetzt zu Haushaltsnamen geworden sind. Das wichtigste Motiv für meine Arbeit ist die Realität. Sie ist meine Inspiration. Sie beeinflusst das Leben von jedem.
Wie haben Sie Ihre Liebe zur Mode entdeckt?
Ich habe noch nie Liebe für die Mode empfunden.
Und für Kleider?
Für Kleider ja. Kleider sind für mich das Mächtigste in der Gesellschaft. Sie können zerstören und viel Schaden anrichten, aber auch Gutes tun. Ich bringe Kleidung auf die gute Seite. Kleider sind auch gut geeignet, um mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Gleichzeitig sind sie wunderschön. Ich erinnere mich an den Anfang des Punks. Ich ging damals nach London. Die punkigen Kleider lösten eine Revolution in der Gesellschaft aus. Die Menschen empörten sich über uns. Damals begann ich, die Macht von Kleidern zu begreifen. Deshalb arbeite ich mit ihnen.
Was war das prägendste Erlebnis in Ihrer Kindheit, das Sie zu der Person und dem Designer werden liess, der Sie heute sind?
Ich habe mir nie vorgestellt, etwas Bestimmtes zu werden. Ich wollte einfach ich selber sein. Das allein ist nicht leicht. Das, was ich wurde, wurde ich durch Zufall. Das Leben brachte mich an diesen Punkt. Ich akzeptiere es nur. Als Kind hatte ich nicht den Traum, Designer zu werden. Mode interessierte mich überhaupt nicht. Ich wusste nicht, wer Chanel war. Sogar, als ich anfing mit Kleidern zu arbeiten, dachte ich, Chanel und Yves Saint Laurent würden nur Parfüms verkaufen. All diese Häuser repräsentieren etwas, das heute keinen Sinn mehr macht. Wir sollten lieber den jungen Menschen die Macht geben. Jenen, die wirklich etwas ändern werden.
Warum sind Sie als junger Mann nach New York gezogen?
Ich wollte dort leben, wo es noch Individualität gab. In dieser Stadt konnte jeder das sein, was er wollte. In Mallorca war man viel mehr in eine Gemeinschaft eingebunden. Und weil New York New York ist. Es gibt nur ein New York. I love fucking New York!
Sie haben ein Haus in Ägypten. Was fasziniert Sie an diesem Land?
Ich bin halb arabischer und halb jüdischer Abstammung. Nach Jahren im hektischen materialistischen New York war nach Ägypten zu gehen wie in die Realität zurückkehren.
Ich fand dort Menschlichkeit und Sensibilität und all das, was wir in unserer Gesellschaft verloren haben.
Wie sieht Ihr Leben heute aus?
Mein Leben besteht momentan darin, mich hundert Prozent auf hessnatur zu konzentrieren. Es ist ein harter Job, für uns beide. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir eine breite Unterstützung für unsere Arbeit erhalten werden, weil es etwas Gutes ist. Am Ende wollen die Menschen mit etwas Gutem in Verbindung gebracht werden. Jeder wird stolz darauf sein, ein T-Shirt von hessnatur zu besitzen.
Sie hatten auch ein Angebot von Tommy Hilfiger. Warum haben Sie sich schliesslich für hessnatur entschieden?
Ihre Philosophie berührte mich. Ihre Einstellung zum Umweltschutz, ihre ökologisch gefertigte Kleidung und ihr soziales Engagement sind einzigartig. hessnatur ist nicht nur ein Versandhaus. Es ist ein Unternehmen mit einer Seele. Es ist etwas Authentisches. Mit meiner Arbeit dort kann ich etwas bewegen und das Leben der Menschen ändern.
War das schon immer Ihre Vision?
Die Philosophie des Hauses war meiner Vision sehr nahe. Auch ich arbeite mit einem sozialen Gewissen. Was den Stil und die Kleider selbst betrifft, ist das eine andere Geschichte. Aber genau deshalb hat Hess an mich gedacht, weil ich der Ökologie eine Tür öffnen kann, Kleider produziere, die nicht langweilig sind. Ökologie darf nicht in einer passiven Position verweilen. Sie muss aktiv sein und frisch daherkommen.
Was sind Ihre Ziele?
Ich möchte hessnatur an die Spitze bringen und jeden zu einem grünen Kunden machen. Inzwischen möchte sogar das amerikanische Luxuskaufhaus Bergdorf Goodman hessnatur in sein Sortiment aufnehmen. Sie haben gemerkt, dass ihre Kunden ökologische Kleider haben wollen. Sie wollen das Neuste, das was Zukunft hat und es muss «cutting edge» sein.
Von «cutting edge» ist hessnatur aber noch Welten entfernt...
Halt, halt. Ja, «cutting edge» mag Mode als Traum betreffen. Es kann aber auch etwas sein, das nicht zwingend extravagant ist. «Cutting edge» sind reale Kleider mit einem realen Zweck. hessnatur ist ein Unternehmen, das viel mehr auf Basics als auf Trends setzt. Und in ihrem Fall ist «cutting edge», etwas Gutes zu tun. Die heutige Avantgarde trägt keine trendigen Kleider und keine Labels. Sie sehen sich nach etwas viel Authentischerem, nach etwas Realerem um. Die Leute fangen an, sich ihre eigene Identität zu erschaffen.
Welches sind Ihre Strategien?
Wir möchten niemanden erziehen, wir wollen aufklären. Es geht nicht darum, warum man etwas tut, sondern wie viel man mit Pestiziden, mit Insektiziden, mit Kunstdünger oder den Chemikalien fürs Färben zerstören kann. Wir möchten ein Beispiel sein, wie man seine Entscheidungen sinnvoller für die Zukunft, für die Kinder, für die Familie treffen kann. Jemand muss das einmal sagen. In New York macht jeder eine Bio-Linie. Aber wenn man dann damit ins Labor geht, ist nichts davon biologisch. Nur seinen eigenen Vorteil daraus zu ziehen ist eine schlimme Sache. Ich sehe es als meine Pflicht, die Leute zu informieren. Ich werde nicht einfach zusehen, wie alles zerstört wird und schweigen! Die Mode- und Textilindustrie ist derart mächtig. Wenn sie nicht aufhört, mit Pestiziden und Insektiziden zu produzieren, dann wird sie die Welt zerstören. Wir werden nicht mehr in Flüsse springen und uns nicht mehr am Dschungel erfreuen können. Sehen Sie sich die Menschen an. Fast jeder trägt Gold und Diamanten. Dabei zerstören diese Unternehmen den ganzen Planeten. In Papua-Neuguinea zum Beispiel, werden sie die Einheimischen ausrotten, weil sie das Grundwasser mit ihren Minen vergiften. Es passiert so viel «Shit» im Hintergrund.
Würden Sie mir zustimmen: Es ist nicht mehr der Designer, der absolute Schönheit zu kreieren sucht, sondern der Designer, der uns ein reines Gewissen gibt?
In gewisser Weise haben Sie Recht. Schönheit kommt nicht nur von Federn, von Glitzer und schönen Kleidern. Schönheit kommt auch von der Realität. Ich weiss, dass ich mit meiner Arbeit etwas Gutes vollbringe. Wir verletzen niemanden und fügen niemandem Schaden zu.
Verstehen Sie sich als Missionar?
Nein ich bin kein Missionar. Ich bin nur eine ehrliche Person. Ich sage die Wahrheit. Ich rede über das, was ich sehe und ich informiere mich bevor ich rede. Ich habe eben den Mut, darüber zu sprechen und riskiere dadurch meine Karriere. Viele Leute fragen mich, warum ich so politisch sei. Und ich antworte: Weil Politik mein Leben betrifft. Ich habe vieles geopfert, um die Wahrheit sagen zu können.
FOTOS: TOM SOLO INTERVIEW: SARA ALLERSTORFER

