
«Adrover hat uns Wagemut gelehrt»
ecoLife (Ausgabe 2/10)
Heinz Hess war ein Visionär, Pionier - und in gewissem Sinne auch völlig verrückt. Vor über drei Jahrzehnten hat er hessnatur gegründet. Zu einer Zeit als ökologische Mode noch kaum ein Thema war. Wolf Lüdge, Geschäftsführer von hessnatur, erzählt im ecoLife-Interview über Hess, modischen Chic und den Designer Miguel Adrover. Interview: Reto Wüthrich
ecoLife: Gut schauen Sie aus, Herr Lüdge. Welche Kleidungsstücke, die Sie gerade tragen, sind von hessnatur?
Wolf Lüdge: Mein Pullover, mein Longsleeve und meine Unterhose sind von hessnatur.
Wie viele T-Shirts von hessnatur haben Sie im eigenen Kleiderschrank?
Viele - hier liege ich im hohen zweistelligen Bereich. Ich habe quasi alle unsere Message-Shirts, die ich zu den verschiedensten Anlässen trage. Darüber hinaus liegen in meinem Kleiderschrank zahlreiche Longsleeves. die ich unter meinen Pullovern trage, weil ich so gut wie gar keine Oberhemden mehr anziehe.
Weshalb kaufen die Menschen bei hessnatur?
Während die Mehrheit unserer Mitbewerber lediglich einzelne, ökologisch aufgemachte Produkte anbietet, bietet hessnatur jährlich rund 5.000 konsequent natürliche Kollektionsteile in grosser Materialvielfalt an. Kleidung aus Baumwolle, Seide, Leinen, Hanf, aus Schurwolle, Alpaka, Kamelhaar und Yakwolle, die von der Fasergewinnung, über die Produktion bis hin zum fertigen Kleidungsstück rundum ökologisch ist. hessnatur war Pionier der ersten Stunde. Vorreiter der ökologischen Bewegung in Deutschland und hat in Sachen ökologisches Produkte-Wissen Mitbewerbern gegenüber einen Vorsprung von 34 Jahren. Wir haben eine eigene Forschungsabteilung, die sich mit den Themen Innovation und Ökologie beschäftigt, die die Einhaltung unserer Sozialstandards überwacht und eigene Anbauprojekte initiiert und betreut. Das spiegelt sich in unseren Produkten wider und macht uns einzigartig, auch im internationalen Vergleich.
Ökologisch und sozial korrekte Kleidung wird zusehends modisch chic oder muss es werden, weil in den letzten Jahren ganz neue Zielgruppen hinzugekommen sind. Wie erfüllt hessnatur das Bedürfnis nach trendbewusster Mode?
Mit Hilfe eines sehr kreativen Design-Teams, das das hessnatur-Basics-Sortiment saisonal um eine modische Kollektion erweitert. Die Inspiration holen sich unsere Kreativen sowohl bei internationalen Modenschauen als auch bei ihren Reisen in andere Länder und Städte. Anschliessend werden ausgesuchte Trends individuell für hessnatur umgesetzt.
Ihr Kreativdirektor ist Migueal Adrover, ein spanischer Designer. Welche Akzente vermochte er bei hessnatur neu zu setzen?
Miguel Adrover hat uns die Türen für internationale Modenschauen wie die New York Fashion Week geöffnet und mit seinem Können die Aufmerksamkeit der Modepresse auf hessnatur gelenkt. Im Hinblick auf unser Design hat er uns mehr Wagemut gelehrt und dieser Trend setzt sich auch weiter fort.
Wie viel Freiraum geniesst Adrover?
Er geniesst den entsprechenden Freiraum, um seiner Kreativität Ausdruck verleihen zu können. Grenzen sind ihm dabei nur im Hinblick auf unsere Zielgruppe gesetzt, da seine Mode natürlich zu unseren Kundinnen und Kunden passen soll.
Wie definieren Sie den aktuellen Stil von hessnatur?
Natürlich, lebensfroh, warm, bequem.
«Design for life», lautet der Slogan des aktuellen Frühling/Sommer-Kataloges von hessnatur. Was meinen Sie damit?
«Design for life» im Sinne von Kleidung, die uns in allen Lebenssituationen begleitet. «Design for life» enthält aber auch die Botschaft, dass Kleidung mehr ist als nur etwas zum Anziehen, nämlich eine klare Entscheidung für einen Lebensstil.
Im aktuellen Frühling/Sommer 2010-Katalog rücken Sie das T-Shirt in den Fokus - ausgerechnet ein Kleidungsstück, das in Bezug auf soziale und ökologische Nachhaltigkeit kein gutes Image hat. Was macht hessnatur hier besser als andere?
Eigentlich alles. Das fängt bei der Baumwolle an, die in Fruchtfolge, ohne chemische Dünge- und Pflanzenschutzmittel angebaut wird und deshalb auch weniger bewässert werden muss. Ein einziges T-Shirt aus chemiefrei angebauter Bio-Baumwolle hält dadurch bereits sieben Quadratmeter Boden frei von Pestiziden. Bei der Weiterverarbeitung verzichten wir auf optische Aufheller, Chlorbleiche, Kunstharze etc. und verwenden ausschliesslich hochwertige, gesundheitlich unbedenkliche Farbstoffe. Unsere T-Shirts werden anschliessend unter sozialgerechten Bedingungen in den Nähereien konfektioniert und landen in einer umweltgerechten Verpackung bei unseren Kunden.
Das T-Shirt ist ein einfaches, günstiges Kleidungsstück. Ihre Wertschöpfungskette ist auf Grund des durch und durch nachhaltigen Ansatzes aber sehr komplexer. Finden Sie nicht manchmal, dass Sie sich Ihr Geschäftsleben ganz schön verkomplizeren?
Die Gewissheit, dass man sich nicht nur dem Profit verpflichtet und seine Kraft und Energie täglich dafür einsetzt, Konsum ohne Schädigung unserer Erde und der auf ihr lebenden Menschen zu ermöglichen, ist jede Mühe wert. Abgesehen davon empfinde ich in eine nachhaltige Wertschöpfungskette auch nicht als Beschränkung, sondern eher als Herausforderung. Und wenn Sie von Komplikationen sprechen, spreche ich von Bereicherung. Wir gehen zwar nicht den einfachsten Weg, aber ich sehe das ganz sportlich: Ohne Leistung kein Erfolg.
Heinz Hess hat vor etwa 30 Jahren hessnatur gegründet, ein gelernter Viehhändler. Wo sehen Sie den Ursprung des Unternehmens?
Der Gründerimpuls war für Heinz Hess die Geburt seines ersten Sohnes, den er vor schädlichen Umwelteinflüssen und Giften in der Kleidung schützen wollte. Sein Sohn sollte gesunde und hautfreundliche Babykleidung tragen, die es in den 70-er Jahren, in denen synthetische Fasern Baumwolle und Wolle fast verdrängt hatten, jedoch nicht gab. Heinz Hess und seine Frau beschlossen, für ihren Sohn Kleidung aus unbehandelten Naturstoffen zu entwickeln, die dessen empfindlicher Haut nicht schaden würde. Der eigentliche Ursprung von hessnatur liegt also in der Fürsorge für das Kind.
Hess war zweifellos Pionier und Visionär. Als «gesunde Kleider» noch kaum einem Bedürfnis entsprachen, hat er damit sein Geschäft begonnen. Wie erlebten Sie persönlich den Menschen Heinz Hess?
Heinz Hess war ein grossartiger Mensch, der seine Ideen mit viel Enthusiasmus und grosser Konsequenz verfolgt hat und andere Menschen mit seiner Begeisterung für seine Vision von einer naturgemässen Lebensweise mitzureissen vermochte. Ein mutiger Mann, der sich nie scheute. Risiken einzugehen und alternative Wege zu beschreiten.
Ein wichtiger Antrieb von Heinz Hess war die Anthroposophie. Wieviel davon steckt heute noch in hessnatur?
hessnatur ist nicht mehr in dem Masse anthroposophisch orientiert wie zu Zeiten von Heinz Hess, aber viel des anthroposophischen Gedankenguts ist noch spürbar. Zum einen in unserer Kollektion, hier am stärksten bei der Babybekleidung und dem dazugehörigen Farbkonzept, zum anderen in den Räumlichkeiten unseres Firmengebäudes in Butzbach, das mit seiner Farbenvielfalt und den fehlenden rechtwinkligen Wänden sehr stark anthroposophisch geprägt ist.
Irgendwie war Heinz Hess ja schlicht auch ein Verrückter: Ohne jede praktische Erfahrung lancierte er zum Beispiel vor Jahrzehnten das weltweit erste biologische Baumwoll-Anbau-Projekt - einfach, weil er von seiner Idee überzeugt war.
Ja, und auch hier tritt hessnatur in die Fussstapfen von Heinz Hess. Aktuell bauen wir beispielsweise zusammen mit der Schweizer Entwicklungshilfeorganisation Helvetas in Burkina Faso kontrolliert biologische Baumwolle an und in Deutschland gewinnen wir quasi direkt vor unserer Haustür Bio-Leinen.
www.hessnatur.com

