
„DIE MENSCHEN SIND OVERDRESSED"
Brigitte (Nr. 15)
Öko-Designer Miguel Adrover über Nachhaltigkeit in der Mode, Konsum und seine Idee von einer neuen Avantgarde
BRIGITTE: Sie sind einer der bekanntesten Fürsprecher von Nachhaltigkeit in der Mode. Da freut es Sie sicher, dass es immer mehr Öko-Labels gibt.
Miguel Adrover: Die Bio-Bewegung in der Mode ist in erste Linie Marketing. Dabei geht es ums Geldverdienen und nicht darum, die Umwelt zu schützen.
Harter Vorwurf. Alle Öko-Labels bluffen?
Nein. Aber die Luxusindustrie arbeitet mit Leuten zusammen, die Menschen ausbeuten, und besonders die großen Ketten profitieren von der Bewegung, aber verhalten sich nicht korrekt, zum Schluss hängen nur wenige T-Shirts aus Bio-Baumwolle in den Läden.
Ein Problem ist sicher auch, dass es keine einheitlichen Zertifizierungen für Öko-Mode gibt. Trotzdem bemühen sich immer mehr Labels um Nachhaltigkeit. Bei Ihrem Auftraggeber, hessnatur, hat der Respekt vor der Natur eine lange Tradition.
Ja, aber die Firma ist klein. Stellen Sie sich nur mal vor, Imperien wie Ralph Lauren oder Gap würden plötzlich alles bio produzieren. Sie würden sicher dreimal soviel verkaufen, denn die Leute wollen sich ja umweltfreundlich verhalten. Tatsächlich passiert das Gegenteil. Die großen Billigketten betreiben Gehirnwäsche, die Leute kaufen sich alle drei Monate eine neue Garderobe und schmeißen die alten Sachen weg. Da liegt der Fehler im System, im Grunde ist dieses Verhalten unverantwortlich - und das Gegenteil von modern.
Was wäre also modern?
Seit Mode zu einem Volkssport wie Fußball geworden ist, ist Authentizität Avantgarde. Wir müssen uns wieder auf unsere Individualität besinnen. In den Achtzigern hatte jede Musikband ihren eigenen Look, etwa Boy George. Heute haben alle ihre Stylisten, die wiederum von großen Labels beliefert werden. Wir sind eine große Werbefläche, es geht immer um die Oberfläche. Die Menschen sind overdressed. Darum finde ich Mode nicht mehr spannend.
Das glaube ich nicht.
Natürlich liebe ich Kleider. Trotzdem: So können wir nicht weitermachen. Wie viele weiße T-Shirts werden täglich weltweit produziert? Und wie viele davon sind öko? Ein geradezu lächerlicher Anteil!
Denken Sie, man könnte das politisch beeinflussen?
Das ist der einzige Weg. Bevor es keine strengeren Gesetze gibt, wird sich nichts ändern. So lange regiert der Markt.
Interview: Anne Petersen; Foto: Oscar Orengo

